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Neulich im ICE

Die Geschichte, die ich euch für euch habe, passt eigentlich gar nicht in meinen Blog. Und doch war sie so lustig, dass ich sie einmal erzählen muss. Sie passierte, als ich im letzten Jahr mit dem ICE auf dem Rückweg vom MEGA-Workshop in Süddeutschland war. Ich hatte es mir gerade in meinem Sitz gemütlich gemacht, als sich die Tür zu unserem Abteil öffnet und zwei ältere Damen hereinkommen. Beide sichtlich durcheinander und mit großem Gepäck. Eine der beiden versucht aufgeregt, mit ihrem Handy eine Verbindung aufzubauen. Gerade, als ich ihr meine Hilfe anbieten will, kommt das Gespräch zustande und ich bekomme ein paar Fetzen davon mit. Als sie auf das Zweite-Klasse Schild weist und ihrem Gesprächspartner erklärt, sie befände sich in Abteil Nummer Zwei, spätestens da ahne ich, das Ganze könnte unterhaltsam werden.



Ich erfahre also, dass die beiden Damen auf dem Weg zur AIDA sind, um eine Kreuzfahrt nach Schottland und rund um Island anzutreten. Das Ganze aber nicht allein. Sondern mit ihren Männern. Die kann ich aber nirgends entdecken.


Was kein Wunder ist, denn sie befinden sich zu diesem Zeitpunkt seit bereits über einer Stunde in einem ganz anderen ICE, weit vor uns.


Und das kam so: Die befreundeten Paare wollten in Frankfurt wie geplant in ihren Zug nach Kiel steigen, als sich einer der Männer spontan entscheidet, doch lieber die hintere Tür zu nehmen. Natürlich ohne auf seine Ehefrau zu achten, die leider nicht so schnell war. Das Ende ist klar: Die Herren im Zug, die Türen schließen, die Damen auf dem Bahnsteig.


Die eilig herbei gerufene Bahnmitarbeiterin konnte dann auch nicht viel mehr tun, als den Seniorinnen provisorische Tickets für die Weiterfahrt mit einem anderen ICE auszustellen und den Herren im Zug via Zugführer auszurichten, sie mögen doch bitte in Kassel aussteigen, warten und dann in den nächsten ICE, nämlich den mit ihren Ehefrauen, wechseln.


Meinen Einwand, ob die Männer nicht vielleicht ein Handy dabei hätten, hätte ich mir sparen können. Der Mann einer Dame, sie heißt Margot wie ich mittlerweile erfahren hatte, besitzt gar keines und überhaupt, er hätte sie auch nicht zum ersten Mal abgehängt. Er sei auch vor kurzem schon einmal zielstrebig eine Viertelstunde in die falsche Richtung gelaufen. Hedis Mann wiederum sei zwar im Besitz eines Handys, aber das liege zu Hause und sei sowieso meist ausgeschaltet.


Beim Auspacken der Brotdosen stellt man fest: Sie sind vertauscht. Margots Mann hat nun ihre Brote und sie seine, sagt sie und beißt herzhaft zu. Die esse sie nun ganz alleine auf, das habe er nun wirklich verdient. Hedis Mann dagegen hat die Becher und leider auch die passende Rotweinflasche. Hedi hat somit nichts, aber das ist nicht weiter schlimm, denn Margot teilt gern.


Ich höre mir das Ganze eine Weile an und dann kommt die nächste Herausforderung: Die Kontrolleurin möchte die Fahrscheine sehen. Die Originale sind im anderen ICE. Als sie nach aufgeregtem Hin und Her schließlich fragt, warum die Herren denn nun überhaupt ohne die Damen eingestiegen seien, spätestens da fühle ich mich wie bei Loriot.


Und langsam fiebere ich dem geplanten Stopp in Kassel entgegen. Wie werden sich die Männer herausreden? Margot ist sich sicher, dass die Schuld allein ihr zugeschoben wird, und beißt noch einmal ins Brot. Hedi geht zeitig schon einmal in den Gang, um Ausschau zu halten. Endlich der Stopp in Kassel. Der Zug hält, fährt wieder an, dann öffnet sich die Tür zum Abteil. Margots Mann schaut herein, und sein einziger Satz bleibt: „Wir sitzen jetzt ganz vorne“.


Stille im Abteil.


Und dann ein Kommentar von Margot, der noch länger nachhallt:

„Wenn wir wieder daheim sind, dann koch ich erstmal nur Quatsch.“


Ich liebe Bahnfahren.





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